Mobilmachung – Eine grosse Ausstellung des Museums im Zeughaus Schaffhausen

Von Dr. Ernst Willi

2014 jähren sich die Mobilmachungen von 1914 (Erster Weltkrieg) und 1939 (Zweiter Weltkrieg). Aus diesem Anlass gestaltet das Museum im Zeughaus Schaffhausen, in Zusammenarbeit mit dem Verein Schweizer Armeemuseum VSAM, eine neue, umfangreiche Sonderausstellung: «Mobilmachung. Die Mobilisierungen der Schweizer Armee seit 1792.» Sie wird am 10. Mai 2014 eröffnet und dauert bis Ende 2015.

Worum geht es?Titel Ausstellung Mobilmachung

Zeitzeugen zum Ersten Weltkrieg gibt es heute keine mehr, und auch die überlieferten Erinnerungen an diese Zeit sind in der breiten Öffentlichkeit weitgehend verblasst. Der heutigen Generation von jungen Schweizerinnen und Schweizern fehlt aber auch meist ein persönlicher Bezug zum Zweiten Weltkrieg und somit auch die Vorstellung, welche Auswirkungen jene unsichere Zeit auf Einstellung und Verhalten der damaligen Bevölkerung in der Schweiz hatte.

Die Sonderausstellung Mobilmachung (=> Flyer), welche in Zusammenarbeit mit dem Verein Schweizer Armee­museum VSAM entstanden ist, will jungen und älteren Besucherinnen und Besuchern aus der ganzen Schweiz

  • einen Überblick über die mehr als 130 Mobilmachungen der Schweiz seit 1792 in ihrem historischen Umfeld geben;
  • die Entwicklung der organisatorischen und materiellen Vorbereitungen der Mobilmachung in der Schweiz im Wandel der Zeit darstellen, von den frühesten Ansätzen bis heute;
  • für den Ersten und den Zweiten Weltkrieg die wichtigsten Auswirkungen der Mobilmachungen auf das tägliche Leben und die Wirtschaft aufzeigen und das hohe Engagement der Zivilbevölkerung und die wichtige Rolle der Frauen würdigen;
  • die umfangreichen Mobilmachungsvorbereitungen aus der Zeit des Kalten Krieges darstellen;
  • über den Stand der aktuellen und geplanten Mobilmachungsvorbereitungen informieren.

Das Thema Mobilmachung

Die Ausstellung zeigt, dass sich das Thema Mobilmachung nicht auf die beiden grossen Weltkriege beschränkt, wie oft angenommen wird. Allein zwischen dem Beginn der Napoleonischen Kriege von 1792 und der neuen Bundesverfassung von 1874 kam es in der Schweiz zu mehr als 25 Mobilmachungen wegen Kriegs­handlungen im In- oder Ausland. Bis heute wurden eidgenössische Truppen über 130 mal zum Aktivdienst einberufen, sei es zur Verteidigung unserer Grenzen oder zur Unterstützung der zivilen Behörden bei der Abwehr schwerwiegender Bedrohungen der inneren Sicherheit.

Die Ausstellung ruft diese Einsätze anschaulich, chronologisch gegliedert in Erinnerung, stellt sie in einen historischen Zusammenhang und greift jeweils einzelne Themen vertieft heraus. Die Geschichte der Mobil­machungen ist auch eine Geschichte der Schweiz als neutraler, unabhängiger Staat, der seine Armee zum Schutz seiner Sicherheit einsetzt. Die Mobilmachungen, und die Konflikte, die ihr Anlass waren, hatten teilweise beträchtliche soziale, wirtschaftliche und politische Auswirkungen auf unser Land; auch dies ist Thema dieser Ausstellung.

Ein Gang durch die Ausstellung

Bereits vor Betreten der Ausstellung begegnet der Besucher zwei wichtigen Themen: Der Alarmierung (in Form einer Nachbildung des Signalgalgens mit Rauchpfanne auf einer Hochwacht, in Gebrauch bis 1847) und der Kriegsvorsorge (wie in der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs wurde der Zeughaushof zum Kartoffelacker). Die Ausstellung beginnt mit einer Erklärung des Systems ‚Mobilmachung‘ im Wandel der Zeit. Der Besucher geht dann einem Zeitstrahl entlang, auf dem sämtliche Mobilmachungen seit 1792 (der ersten Grenzbesetzung zu Beginn der Napoleonischen Kriege) kurz beschrieben und in ihr historisches Umfeld eingebettet sind. Im Detail gezeigt werden zwei frühe Mobilmachungen des jungen Bundesstaats, anlässlich des kuriosen Büsinger Konflikts von 1849 und anlässlich des Neuenburger Handels von 1856/57.

Ein nächstes Thema sind die beiden Mobilmachungen zur Wahrung unserer Neutralität während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 sowie zur Internierung von 87‘000 Mann der Bourbaki-Armee. Erwähnt werden auch die Mängel, welche bei diesen Mobilmachungen zutage traten.

Auszug der Schaffhauser Truppen nach der Mobilmachung 1914.  Bildnachweis: Stadtarchiv Schaffhausen

Auszug der Schaffhauser Truppen nach der Mobilmachung 1914.
Bildnachweis: Stadtarchiv Schaffhausen

Ein thematischer Schwerpunkt sind die Mobilmachungen im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Nach einer Erläuterung des Umfelds vor Kriegsausbruch wird der Verlauf der Mobilmachung von 1914 dargestellt, auch anhand der Mobilisierung der Schaffhauser Truppen. Die einschneidenden

wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen, der Einsatz der Frauen, die Heimschaffungen von Internierten durch die Übergangsstelle Schaffhausen, die wachsende soziale Not und Unrast, welche zum Landesstreik von 1918 und zur anschliessenden Krise führten: All dies sind Themen, die auf Tafeln in Wort und Bild erläutert und durch Exponate und Szenen anschaulich und erlebbar gemacht werden.

Auch die Mobilmachungen im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) erfahren eine breite Behandlung. So die Umstände, die zum Ausbruch des Kriegs und zur Mobilmachung der Schweizer Armee 1939 führten, als innert 3 Tagen 450‘000 Soldaten, 200‘000 Hilfsdienstpflichtige und 10‘000 Frauen in den Aktivdienst einrückten. Der Besucher kann die Isolation der Schweiz und die Furcht vor einem deutschen Angriff im Mai 1940 nachvollziehen, die nach der Kapitulation Frankreichs eine zweite Mobilmachung auslöste und zum Rückzug der Armee ins Réduit führte. Die Aktion ‚Geistige Landesverteidigung‘ zur Verbesserung der angeschlagenen Moral der Bevölkerung und der Truppe wird auch beschrieben. Neben der militärischen Komponente zeigt die Ausstellung, wie  die kriegswirtschaftlichen Vorsorge der vom Ausland praktisch abgeschnittenen Schweiz sichergestellt wurde und wie wichtig dabei der Einsatz von Freiwilligen, insbesondere von Frauen, war, nicht zuletzt auch beim Schutz der Bevölkerung vor Luftangriffen. Wie die Industrie die Auswirkungen der Mobilmachungen meisterte, ist ein weiteres Thema.

Der nächste Teil der Ausstellung, die Zeit des Kalten Krieges nach dem Zweiten Weltkrieg,  führt die Besucher, zum Thema passend, in die ehemalige Zivilschutzanlage des Zeughauses. Politische Block­bildung, nukleare Bedrohung, Rüstungswett­lauf, Stellvertreterkriege und Konflikte: Diese Bedrohungslage machte in der Schweiz umfangreiche  Vorbe­reitungen zum Schutz der Bevölkerung, zur zeitgerechten Mobil­machung und zum Widerstand notwendig. Sie werden hier gezeigt, zusammen mit den Massnah­men zur Ausbildung und Überprüfung der Einsatzbereitschaft. Die Nachbildung eines Organisationsplatzes wird bei vielen Besuchern Erinnerungen wecken.

Bildnachweis: "Sie und Er", 8.9.1939

Bildnachweis: “Sie und Er”, 8.9.1939 (Ringier)

Die neue Beurteilung einer veränderten Bedrohungslage führte schliesslich zum heutigen Konzept der Armee XXI mit reduzierten Beständen und limitierter Verfügbarkeit und Einsatzbereitschaft von Truppe und Material. Der Begriff ‚Mobilmachung‘ existiert heute nicht mehr.

Der Besucher wird mit einem etwas zuversichtlicheren Blick in die Zukunft entlassen, mit der Aussage nämlich, dass die Pläne zur Weiterentwicklung der Armee davon ausgehen, dass die heutige Organisation der Armee die notwendige materielle und zeitliche Einsatzbereitschaft nicht gewährleistet, dass also die Armee ihren Auftrag nicht ausführen kann. Schlussfolgerung: Zurück zur Mobilmachung!

 

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